Sie schreiben Ihre Bewerbungen nicht nur „pro forma“?

Wissen Sie was ein scheiß Sturm ist? Ja, wenn Sie als Kind in Norddeutschland aufwachsen wissen Sie das: wenn der Wind den Regen waagerecht durch die Sommerferien treibt und Sie als Kind noch nicht wissen, dass es andere Gegenden in Deutschland gibt, wo das nicht so ist, weil Ihr Horizont nur bis zur Stadtgrenze reicht.

Neudeutsch heißt es aber Shitstorm. Von der Theorie her erreichte mich der Begriff in der Mitte meines Lebens, real war es letzten Frühjahr. Am 29. April 2016 schrieb ich einen rhetorisch ausgefeilten und sehr angriffslustigen Beitrag in der Xing-Gruppe der Gesellschaft Deutscher Chemiker. Ich bin dort Co-Moderator und fühle mich auch verpflichtet die Diskussion und den ehrlichen Meinungsaustauch über Chemie und Wirtschaft hoch zu halten. Ich echauffierte mich über den Beitrag eines jungen Menschen, der sich im Grunde über das Arbeitsamt beklagte: Die Hilfe vom Mitarbeiter des Arbeitsamtes, wie man eine Bewerbung schreibt sei doch „unter aller Kanone“. Das ist meine Wortwahl. Doch sinngemäß war es genauso.

Das geht deutlich über meinen Horizont hinaus: Ein junger Mensch mit guter Ausbildung, der dem Arbeitsamt die Schuld gibt, keinen Job zu finden? „Wem Sie die Schuld geben, dem geben Sie die Macht“. Das stammt nicht von mir, sondern von dem amerikanischen Psychologen Wayne Dyer. Es spricht mir aber aus dem Herzen. Ich studiere doch nicht zum Beispiel Chemie, um Hartz IV anzustreben. Also pointierte ich in meinem Plot:

„Wer als Studierender regelmäßig die Stammtische der Vereinigung für Chemie und Wirtschaft besucht, schreibt seine Bewerbung nur pro forma.“

Schwupps und schon war der Wetterumschwung unter den Chemikern da. Eben noch sonnig, huschte nun der Scheißsturm auf mich los. Der Chefredakteur der Nachrichten aus der Chemie brachte auch ein stilistisch aufbereitetes Exzerpt in die Printausgabe und so gab es sogar Leserbriefe, in denen mein Name fiel: Nun fühlte ich mich geehrt. Inzwischen bin ich mit den beiden Hauptprotagonisten bei Xing vernetzt. Ich bin nicht lange nachtragend.

Vereinigung für Chemie und Wirtschaft

Zur Erläuterung: Die Vereinigung für Chemie und Wirtschaft (VCW) der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) ist eine Sektion, also eine Gruppe von neugierigen Menschen mit über 500 Mitgliedern von insgesamt 33.000 Chemikerinnen und Chemikern, die sich dem Brückenschlag zwischen der Wissenschaft Chemie und der Chemie-Industrie verpflichtet fühlt: Technologietransfer, internationale Trends, Unternehmertum.

Nun, was habe ich gemeint mit der Pro-Forma-Bewerbung? Sicher nicht, dass jede oder jeder mit einer schlechten Note einen Job bekommt, weil man ein Bier zusammen trinkt. Richtig ist aber, dass Netzwerker früher an Informationen herankommen. Die beiden Konsequenzen, dass sich der Jobinteressent mit einem gut gefüllten Rucksack an Zeugnissen, Wissen und Erfahrung im Wettbewerb mit anderen durchsetzen muss sind doch ursächlich selbstverständlich. Wie konnte man mich so missverstehen?

Wer sein Leben selbst in die Hand nehmen will, und wie könnte ich daran zweifeln, dass meine Blog-Leserschaft dies tut, baut seine Netzwerke auf, wenn sie oder er diese noch nicht braucht, also frühzeitig. Der Besuch der von mir initiierten und seit dem 21. Mai 2008 stattfindenden VCW-Stammtische ist kein Garant einen Arbeitgeber zu finden, weder für Job-Neulinge noch für sich Umorientierende. Keine neuerlichen Fehlinterpretationen also bitte. Aber diese Stammtische sind ein verdammt guter Einstieg in die Welt der Netzwerke. Nicht nur für Chemiker und Chemikerinnen, sondern auch für andere Naturwissenschaftler und alle an der Chemie Interessierten.

Herzliche Grüße, und: Netzwerken ist eine Lebensphilosophie!

Ihr Holger Bengs

P.S.: Als ich den Beitrag in der GDCh-Xing-Gruppe verfasst hatte, fing ich der Sicherheit halber noch einmal meine Karriere Revue passieren zu lassen: Wie war das denn bei Dir, Holger?

Ja, ich habe von meinem ersten Job über meine Kontakte erfahren. 1993 sprachen wir allerdings noch nicht von Netzwerken. Ja, ich musste mich im Wettbewerb gegenüber vier anderen Chemikern durchsetzen und ja, ich schrieb in meinem Berufsleben meine wenigen Bewerbungen alle nur pro forma für die Personalakte. Und selbstverständlich war ich seinerzeit beim ersten Job gut ausgebildet: Aber bitte glauben Sie mir. Ich bekam den Job besonders wegen meiner kommunikativen Fähigkeiten und infolge mangelnden Standesdünkels eines promovierten Chemikers gegenüber titellosen Fachkräften im Labor. Das Beherrschen des Rösselsprungs im Periodensystem war jedenfalls im Bewerbungsgespräch ohne jede Bedeutung.

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